Psychotherapie mit jugendlichen Mädchen nach sexuellem Missbrauch

Die Jugend ist für die meisten Mädchen eine schwierige Zeit mit vielen Veränderungen: Der Körper verändert sich, Gefühle und Stimmungen ändern sich rasch, Konflikte mit den Eltern nehmen zu, und die Erwachsenen stellen hohe Erwartungen und Hoffnungen an die Jugendlichen, die aber mit ganz anderen Themen beschäftigt sind. Manche können nicht früh genug von Zuhause wegkommen, andere können sich ein selbständiges Leben ohne ihre Familie noch gar nicht vorstellen.

Wenn ein Mädchen in ihrer Kindheit oder als Jugendliche sexuellen Missbrauch erlebt hat, muss sie sich neben diesen Themen auch noch mit den Auswirkungen des Missbrauchs auseinander setzen. Zu den verwirrenden Gefühlen kommen Angst, Schuld und Scham hinzu, alle Mädchen haben das Gefühl, für den sexuellen Missbrauch Verantwortung zu tragen. Manche dieser Gefühle sind sehr widersprüchlich: Manchmal fühlen sich Mädchen schwach und ohnmächtig, manchmal glauben sie, alles alleine zu schaffen. Viele Mädchen haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass ihre Umgebung diese Gefühle nicht verstehen kann oder sie für verrückt halten würde, wenn sie davon erzählen. Viele Mädchen haben das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, weil ihre Gefühle so verrückt und verwirrend sind.

Sie haben Angst, dass andere ihnen Vorwürfe machen könnten: Warum sie so lange nichts erzählt haben, warum sie manchmal nicht die ganze Geschichte erzählen oder warum sie den Täter oder die Täterin in Schutz nehmen (müssen). Es kann sein, dass sie vom Täter oder von anderen Personen unter Druck gesetzt werden, oder von sich aus nichts sagen, um niemand in Schwierigkeiten zu bringen, oder die Familie zu schützen.

Mädchen gehen ganz unterschiedlich mit diesen Problemen um: Manche erzählen ihre Sorgen ihren Freundinnen, ihrem Freund, einer Lehrerin oder ihren Angehörigen. Andere ziehen sich ganz zurück und können mit niemandem darüber sprechen, was in ihnen vorgeht. Manchmal gerät man dabei unter großen Druck und weiß sich nicht anders zu helfen, als sich z.B. selbst Verletzungen zuzufügen oder Alkohol und Drogen zu konsumieren. Manche Mädchen haben Schwierigkeiten mit dem Essen und essen entweder zuviel oder zuwenig. Viele Mädchen sagen, dass sie sich und ihren Körper nicht ausstehen können.

Diese Verhaltensweisen sind ein Versuch, sich abzulenken, oder zu vergessen, um den Alltag bewältigen zu können. Sie helfen aber nur für kurze Zeit und lösen die Probleme nicht.

Gespräche mit einer Psychotherapeutin können helfen, Ordnung in diese verwirrenden Gefühle zu bringen. Sie sind anders als Gespräche mit nahestehenden Personen: Man muss beim Erzählen nicht auf die Gefühle der Therapeutin achten, wie bei Menschen, die man gerne mag. Man kann sicher sein, dass die Therapeutin schon vieles gehört hat und schlimme Geschichten oder Gedanken gut aushalten kann. In der Psychotherapie können Mädchen selbst entscheiden, was und wie viel sie erzählen.

Es gibt Zeiten, in denen die Vergangenheit in der Therapie im Vordergrund steht, und Zeiten, in denen aktuelle Probleme oder die Zukunft wichtiger sind. Viele Mädchen merken zum Beispiel, dass die Erlebnisse in der Vergangenheit ihnen in der Gegenwart in ihrer Partnerschaft Probleme bereiten. Manche Mädchen tun dann Dinge, die sie (noch) nicht tun wollen, oder sie würden in ihrer Beziehung gerne offen sein, können aber kein Vertrauen fassen. Jede Psychotherapeutin unterliegt der Verschwiegenheit.